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Die
Welt kann ein ungemütlicher Ort sein, dachte der
kleine Rochen, als er sich morgens aus dem
dunkelgrauen Sand wühlte und in den Perlmuttspiegel
schaute. Er mochte den Sand nicht. Er liebte das
Wasser, er schwamm mit Freuden, aber schlafen gehen
fand er doof.
Nach dem Aufstehen schüttelte und rüttelte sich der
kleine Rochen immer sehr viel länger und gründlicher
als seine Artgenossen, so stank der Schlamm und die
vielen Sandkörner juckten ihn. Freunde rieten ihm zu
Schlaftherapie, einer neuen Matratze oder einer
Ortsveränderung, aber was sollte er schon machen -
Muscheln wohnen in Häusern, viele Fische in Höhlen,
Haie gar nicht und Rochen graben sich eben ein. So
war der Lauf der Dinge. So war die Unterwasserwelt,
und der kleine Rochen konnte nicht wider seine
Natur.
Außerdem dachte er: 'Die Welt kann ein ungemütlicher
Ort sein!' ja auch nur morgens beim Aufstehen und
abends beim Schlafengehen. Dazwischen gefiel ihm
sein persönlicher Teil des Universums ja gar nicht
so schlecht.
Am heutigen Morgen jedoch wollte ihn die schlechte
Laune nicht so recht verlassen. Die Mundwinkel weit
nach rechts und links hinten gezogen, glitt der
Flügelfisch durch die dunkle See und zog eine dichte
Wolke zorniger Putzerfische hinter sich her.
Diese kleinen Reinigungstiere sind sehr
stimmungsabhängig. Ein grimmiges Gesicht zieht
schlecht gelaunte Putzerfische an und Frohsinn ist
dementsprechend für sonnigere Putzerfischgemüter
attraktiv. Den kleinen Rochen begleiteten seit
Wochen ausschließlich furchtbar wütende Exemplare
dieser Spezies, sie hörten kaum auf sich gegenseitig
zu beschimpfen und zu bespucken. Er war gefangen in
einem Teufelskreis, bzw. einem Teufelsrochenkreis,
denn das wütende Gezeter der Putzer um ihn herum
trug ja auch nicht zu besserer Laune bei.
Der kleine Fisch war am Ende - er mußte etwas tun.
Wegen der Wassersäulen kam der Sprung von einer
Klippe nicht in Frage, also beschloß der kleine
Teufelsrochen, sich seinem persönlichen teuflischen
Kreis auf einer anderen, nicht minder spektakulären
Art und Weise, zu entziehen.
Er schwamm an den Strand und zog sein Kostüm aus.
Als braun gebranntes Fräulein legte sich der Rochen
sogleich hemmungslos in den vormals ungeliebten Sand
und bestellte einen frischen Cocktail mit
Schirmchen. Nackt in der Sonne liegen war eine
tolle, klar die bessere Lebensvariante, fand sie,
und ihre Laune wurde schlagartig gut. Sie wurde
sogar sehr gut!
Das Mädchen hieß von nun an Kathleen und arbeitete
in einer Werbeagentur. Dort verdiente es viel Geld!
Zumindest mehr, als man mit einfacher Rochenarbeit
im Riff verdient. Denn als ehemaliger
Unterwasserbewohner hatte sie ein feines Gespür für
die Niederungen und Abgründe der Seele in denen die
Wünsche wachsen.
Das erfundene Mädchen machte sich so, mit Gespür
Geld und Nacktheit, im nu viele neue Freunde und
Bekanntschaften und alle schlechte Laune war wie
weggeblasen.
So schien es jedenfalls....
Denn so ganz konnte Kathleen ihr Rochenleben nicht
vergessen. Es klopfte immer mal wieder von hinten an
ihre Stirn und rief leise um Hilfe. So war es nicht
verwunderlich das die Kathleenerfindung langsam zu
bröckeln begann. Und auch die vielen neuen Freunde
wurden irgendwann leicht mißtrauisch, denn in ihr
Mädchenleben schlichen sich mehr und mehr
Rochenungereimtheiten hinein.
So versuchte die kleine Kathleen so viel Spaß zu
haben wie möglich, so lange wie möglich - sie ging auf
Parties, trank viel Alkohol, ging mit Männern, zog
sich aus und wieder an. Und immer wieder log sie
sich durch die kleinen Lücken und Abgründe ihrer
Mädchenbiographie.
Eines Tages jedoch war das Geld alle, oder
vielleicht waren es auch die Lügen. Und wieder hatte
sie sich in einem Teufelskreis verlaufen, wieder lag
sie gefangen in ihrem eigenen Lebenslabyrinth und
fand nicht heraus.
Es ist eine kleine, simple Wahrheit – wenn man sich
zu weit von sich entfernt, findet man vielleicht
nicht mehr zurück. Man kann zwar versuchen sich neu
zu erfinden, immer wieder, allein, es macht nicht
mehr glücklich. So wartete das kleine Rochenmädchen
auf ein Ereignis, etwas von außerhalb, etwas das sie
aus diesem Irrgarten befreite. Leider geschieht
selten etwas auf diese Art und Weise. Ereignisse,
gute wie schlechte, kommen häufiger zu denen, die
sie suchen, die wagen, die kämpfen. Nicht zu denen
die warten, auch nicht zu denen, die warten müssen.
So war es. Das Mädchen fand sich am Strand wieder,
an genau dem Strand an dem sie einst aus dem Meer
geflohen war, vor ihren eigenen Dämonen. Der Strand
war leer, der Morgen nahte, die Wellen rauschten ein
leises Rauschen und der Wind umwehte ihren glatten
Frauenkörper. Kathleen schloss die Augen, es war wie
in einem Traum. Es war wie in einem Traum. Etwas
zerbrach, Tränen rannen aus ihren Augen, flossen
ihre Wangen herunter, Tränen von denen sie nicht
einmal wusste woher sie kamen. Das salzige Nass
umspülte ihre Körper, ihre Brüste, ihren Bauch, ihre
Beine. Und auch die Flut kam, schnappte nach ihren
Füßen, kleine, niedliche Wellen vermischten sich mit
den großen, krokodiligen Tränen des Rochenmädchens.
Kathleen öffnete die Augen und legte sich in den
nassen Sand, sie kuschelte sich in die Brandung. So
umspült vom Meer fand sie eine Ruhe, es war so warm
und so gemütlich, fand sie! Und es lag ein Lächeln
auf ihrem Gesicht, als sie vom Wasser hinab und
hinaus gezogen wurde. Ihre Augen waren geöffnet.
Nur wenige Zuschauer waren anwesend, als in den
frühen Morgenstunden, von ersten Sonnenstrahlen
begleitet, ein nackter Frauenkörper auf den sandigen
Meeresgrund nieder sank. Zwei kleine Doktorfische
beobachteten das Geschehen aus einiger Entfernung
und tuschelten aufgeregt was es denn wohl war, was
es dort zu sehen gab. Die beiden hatten so etwas
glattes, nacktes noch nie gesehen, aber sie waren
auch noch jung und etwas wie Kathleen nicht
jugendfrei.
Nah an der Küste gelegen dauerte es indes nicht
lange bis die Strömungen begannen den Meeresboden
aufzuwirbeln und das Mädchen langsam mit Sand zu
bedecken. Und erneut verschwand die schöne Frau in
einem befreundeten Element. Schon nach kurzer Zeit
war der Grund wieder scheinbar unberührt wie zuvor
und das Unterwasserleben ging weiter. Doktorfische
gingen zum Arzt, Garnelen putzten, Haie bevölkerten
den Markt um Obst zu kaufen und die Delphine trieben
sich im Puff herum. Alles war wie immer.
In der nächsten Nacht jedoch, an der Stelle an der
Kathleen im Grund versunken war, raschelte es im
Sand und jemand hustete. Kaum hatten die
Doktorfischkinder ihren Spannerplatz wieder
eingenommen, war „Schwupp!“ ein kleiner Rochen aus
dem Boden geschlüpft, schüttelte sich einmal, nahm
die Doktorfische ins Visier, haute ihnen rechts und
links eine runter und schwamm ins Dunkel der
Unterwassernacht. Allein, die schlechte Laune war
fort. „Was für ein komischer Traum, den ich hatte“,
dachte das kleine Rochenmädchen während sie durchs
Wasser glitt.
Und morgen, morgen war ein neuer Tag.
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