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Wasserschildkröten
sind geduldige, liebenswerte und vor allem
intelligente Tiere. Leider gibt es nicht mehr viele
von ihnen, denn sie haben viele Feinde. Ungeduldige,
verabscheuungswürdige und durchaus nicht besonders
kluge Tiere.
Wir kennen die
Unterwasserwelt von Bildern, aus dem Fernsehen und
vielleicht, wenn wir besonders viel Glück haben,
persönlich. Sie ist von seltener Schönheit,
friedlich und zerbrechlich. Das Böse hat hier ein
leichtes Spiel. Für den Menschen, der im Allgemeinen
nur die Oberfläche des Meeres sieht, sind Verbrechen
daran besonders einfach. Er zerstört die Natur,
beendet Leben und ist nicht der Meinung dies würde
am Ende womöglich auch ihn selbst betreffen. Oder er
merkt es alles einfach nicht.
Wir können festhalten:
Leben unter Wasser ist härter als man gemeinhin
denken könnte. Das Bewußtsein mit seinen Tiefen und
Untiefen reicht ja schon vollkommen aus, für Elend
und Grausamkeit.
Toll, wenn man dann
feststellt, dass plötzlich zusätzlich dazu, vor der
eigenen Wohnung eine zusätzliche Tiefe herrscht, die
ebenso schwarz wie unergründlich zu sein scheint.
„Ein, ein kleines Seebeben...“ dachte sich der
Schildkrötenmann an einem schicksalshaften Morgen im
Mai, und schon liegt der mühsam gehegte Vorgarten 6
Kilometer tiefer als am Abend zuvor. Obwohl er
vielleicht zu spät zur Arbeit kommen würde beschloss
die Wasserschildkröte vorher seine Familie zu
beruhigen und schwamm zurück in die
Schildkrötenhöhle.
Nicht nur Arbeit für
Schildkröten war selten geworden, auch in anderer
Hinsicht starb das Riff langsam aus. Seitdem die
Seeschnecken ausgewandert waren, fielen Horden ihrer
früheren Mahlzeiten, die Dornenkronenseesterne, über
die Korallen her und aßen sich satt. Er wußte nicht,
ob es in dieser Gegend überhaupt noch
Schildkrötenverwandte hatte – er wünschte es sich
sehr, aber die Suche, allein mit Frau und Kind, wäre
langwierig und vor allem viel zu gefährlich. Seine
Frau ahnte nicht, wie gefährlich – und er tat alles
damit seiner Familie die Abgründe, so oder so, diese
oder jene, verborgen blieben. Sie sollten glücklich
sein.
Die Schildkrötenfrau
Anke saß noch am Frühstückstisch und trank die Reste
des morgendlichen Korallenkaffees. Sie schaute etwas
überrascht als ihr Mann plötzlich wieder zur Tür
hereinkam. „Hast du was vergessen?“, fragte sie.
„Nein, Anke“, sagte der Wasserschildkrötenmann
betont beiläufig. „Nur bleibt besser heute im Haus,
das Wetter ist wirklich schrecklich heute“. „Hm.
Ok.“ sprach Anke, und nahm die Zeitung zur Hand.
„Komm gut zur Arbeit! Und nicht zu spät heim!“.
„Habahaba. Yirbie,“ sagte der Schildkrötensohn
Robert. Der Mann tätschelte ihm lächelnd den Kopf,
schloß vorsichtig die Tür und schwamm mit einem
mulmigen Gefühl im Magen in die schwarze See hinaus.
Leblos und unheimlich still war es dort. Und so
dunkel, dass der Schildkrötenmann bald nicht mehr
genau wußte wo er war. Alles war anders. Es dauerte
lange bis er sein Ziel gefunden hatte, dabei war er
schon tausendmal dort gewesen.
Die Arbeit war monoton
und drückte weiter auf sein Gemüt. Irgendetwas lag
im Wasser, ihm war als änderte sich laufend der
Druck und sein Kopf schmerzte. Mit der Zeit wurde
ihm klar, dass er etwas hörte. Ein tiefes Brummen,
kaum hörbar - mehr spürbar.
Ein dunkler Ton, von
weit, weit her, war es, der im Wasser lag. Kam er
näher? Auch als er erschöpft nach Hause schwamm,
spürte er das Brummen. Die Wasserschildkröte war
voller Angst, sie wollte fortschwimmen von diesem
dunklen Ton, aber er war überall. Als wenn er ihr
folgte oder über allem läge. Als sie in der Ferne
das Licht ihrer Höhle scheinen sah, schwamm sie noch
schneller, es war ihr als beobachtete sie jemand,
würde ihr folgen. Ohne sich umzuschauen suchte sie
leicht panisch ihren Hausschlüssel, schloß die
schwere Mangantür auf und verriegelte sie hinter
sich. Wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre, hätte
ihr in diesem Moment der kalte Schweiß auf der Stirn
gestanden.
„Du schaust aus, als
hättest du einen Geist gesehen“, sagte Anke und
lugte über den Rand ihres Buches.
„Schniersenjiersen“ sagte der Schildkrötensohn. Die
Wasserschildkröte atmete tief durch, setzte sich zu
seiner Familie an den Tisch und riss sich zusammen.
„Nein, nein, es geht mir gut. Ich hatte nur einen
sehr anstrengenden Tag.“ Das war glaubwürdig und er
wollte Anke und Robert nicht ängstigen. Also saßen
sie bald alle zusammen und machten sich einen
schönen Abend.
Aber später, als der
Schildkrötenmann im Bett lag, überfiel ihn eine
große Angst. Er spürte die dunkle Macht die irgendwo
da draußen auf ihn wartete. Schlafen fällt ja schwer
wenn einem so was wie der leibhaftige Tod oder das
allgemeine Grauen im Nacken sitzt. Das ging auch dem
armen Schildkrötenmann nicht anders. Er verlebte
eine dermaßen unruhige Nacht, dass er am nächsten
Morgen 10 Minuten länger im Bad war als Anke um sich
die Ringe unter den Augen wegzuschminken. Denn
niemand sollte weiterhin merken das es um seine
Nerven nicht gut bestellt war. So schminkte er sich
ein prima Guten-Morgen-Gesicht und strahlte seine
Familie beim Frühstück debil an. „Gnarz“, sagte
Robert. Ankes Filtrierer Kaffee war heiß und gut. Es
hatte halt doch Vorteile einen Hausunterwasservulkan
mit Filtrier-Korallen zu haben – auch wenn die
kleinen Polypen sehr gesprächig waren und ihre
Besitzer mit endlosen Geschichten langweilten. Es
hatte heute keinen Sinn die Zeitung zu lesen, denn
die Polypen waren früh aufgestanden und hatten sie
schon auswendig gelernt. Und nun sprachen sie
während des Filtrierens von den Geschehnissen des
Tages. Der Mann warf die Zeitung in den schwarzen
Raucherkamin.
„Viel Spaß bei der
Arbeit“, wünschte Anke dem Wasserschildkrötenmann
als dieser sein Bündel schnürte und gab ihm ein
Küßchen auf die Wange. Robert schaute skeptisch.
„Errrrnst“ sagte er. „Borrrauski.“ Der
Schildkrötenmann winkte ihm zum Abschied zu und
lächelte. „Klosseee,“ meinte Robert noch und wandte
sich wieder seinen Spielzeuggarnelen zu.
Als der
Schildkrötenmann vor der Höhlentür stand und in das
dunkle Blau starrte das sich vor ihm ausbreitete,
war auch die Angst wieder da. Und das Brummen. Das
Gefühl das ihm jemand folgte, ihn beobachtete, blieb
den ganzen Tag bestehen und er mußte sich mehrmals
zwingen tief durchzuatmen um nicht in Panik zu
geraten. Irgendwas, etwas schwarzes, großes, lauerte
da hinten, im dunklen Meer, es wartete auf ihn. Er
spürte wie Augen auf ihm ruhten. Der
Schildkrötenmann wußte, früher oder später würde es
ihn holen, etwas schreckliches würde geschehen, war
unausweichlich. Es war, als wäre dieses Ende immer
schon in seinem Lebensplan gewesen und im Nachhinein
fühlte er, dass er sich schon beim ersten Vernehmen
des dunklen Tons in sein Schicksal gefügt hatte.
Nur Anke und Robert
waren ihm noch wichtig. Alles Schlechte würde er vor
ihnen verbergen. Er würde alles auf sich nehmen,
dachte er und wandte sich grimmig wieder der
Manganwand zu.
Heute abend war Horst,
die Holothurie, zum Essen eingeladen. Holothurien
sind Seegurken und damit einer der anstrengendsten
Besuche den man in diesem Universum bekommen kann.
Horst wohnte auf dem Grund des Marianengrabens, in
fast 11 Kilometern Tiefe und hatte eine ziemlich
lange Reise hinter sich als er zur Tür hereinwurmte.
„Hallo Horst“ rief Anke und bemühte sich mehr oder
weniger um eine Umarmung der Seegurke. „Hallo Anke,
Hallo Robert, Hallo Schildkrötenmann, mein Freund!“
sprach Horst und blickte in die Runde. Es stank.
Denn furchtbarerweise haben Seegurken keinen Mund
und müssen daher mit ihrem Anus sprechen. Das sieht
nicht nur schlimm aus.
„Aber jetzt muß ich
mich erst mal hinsetzen“, meinte er erschöpft und
stank ein wenig mehr, „denn meine Reise hierher war
kein Zuckerschlecken, das könnt ihr mir glauben!“
Die Familie nickte und sah sich dabei irritiert an,
denn es ist absurd zu glauben, ein Wurm-ähnliches
Geschöpf von Horstens Sorte könnte Erfolg damit
haben, sich hinzusetzen.
So ignorierten sie
seine letzten Worte, und begaben sich ohne weitere
Umschweife durch die dichten Schwefelgerüche an den
gedeckten Tisch.
Als es ans Essen ging,
fing es an kompliziert zu werden. „Nein Danke, für
mich nicht,“ sagte Horst. „Ich habe vorhin meinen
Verdauungstrakt abgestossen.“ Anke fiel daraufhin
ein Teil des Essens aus dem Gesicht und Robert wurde
ein wenig grün um die Nase. „Was hast du?“, sagte
der Schildkrötenmann daraufhin? „Nun ja,“ stank
Horst, „in ein paar Wochen ist er wieder da, aber
gestern habe ich ihn in die Inspektion gegeben. Zum
ArschTÜV.“ „Interessant....“ murmelte Anke. „Ach so
ist das,“ sagte der Schildkrötenmann. „Schwoing!“
meinte Robert.
„So, jetzt muß ich
aber wirklich gehen!“ schrie Horst plötzlich. „Ihr
wisst ja gar nicht unter was für einem Druck ich
stehe! Unter einem enormen Druck! Nicht wie am
Strand, wo ihr manchmal rumliegt! 1000 mal so hoch
ist mein Druck! 1000 mal! Ihr auf euren Guyots.
Filtrierer. Grmpfl.“ „Tschüss Horst,“ sprach die
Familie Wasserschildkröte da und die Seegurke
stapfte von dannen. „Na? Jemand noch ein wenig
Detritus?“ fragte Anke verlockend in die Stille.
„Nein Danke,“ sagte der Mann leise und sank wieder
tief in seinen Anemonensitzsack.
Robert seufzte: „Schniers the years“.
Am nächsten Morgen
brauchte der Wasserschildkrötenmann wieder ein paar
Minuten länger um die Ringe unter seinen Augen weg
zu retuschieren. Die Nacht war noch ein bißchen
schlimmer gewesen, rasende Alpträume machten ihm zu
schaffen. An diesem Morgen ließen ihn sogar die
Filtriererkorallen in Frieden. Er trank seinen
Kaffee, wie jeden Morgen, er scherzte mit Anke, wie
jeden Morgen und er streichelte den Kopf seines
Schildkrötensohnes wie jeden Morgen, obwohl er keine
Ahnung hatte, was zum Teufel er immer sagte. Er
lachte und verbarg mit hoher Kunst, wie wenig es zu
lachen gab. Wie nah das Böse war.
Zum Abschied küßte er
Anke, wie immer. „Märrz.“ sagte Robert. Der
Schildkrötenmann sah ihn an, er versuchte zu
lächeln, wie immer, aber alles was er zustande
brachte war eine komische Grimasse. Schnell
schlüpfte er hinaus, schloß die Tür und trat zum
Ausgang der Höhle. Alles drehte sich, er
schwindelte. War das Brummen, war der dunkle Ton
noch da? Er konnte es nicht sagen. Er hievte sich
ins kühle, weite Wasser, versuchte ordentlich und
vorschriftsgemäß zu schwimmen, alleine, es gelang
nicht besonders gut. Die Wasserschildkröte sank, sie
konnte es nicht verhindern, sie glitt immer mehr in
die Tiefe, wo es noch kälter war und dunkler. Es
schien ihr, während ihr langsam das Bewußtsein
schwand, als greife etwas nach ihr.
Allein, als das
Ungeheuer sie in die Hände nahm und mit seinen
großen, leeren Augen ansah, war sie schon nicht
mehr. Dem Ungeheuer jedoch, war das gleich, es
verspeiste sie auch so, rieb sich erfreut den Bauch
und ging nach Hause. „Schniers“, dachte es
glücklich, und pfiff ein kleines, aber dunkles,
Lied.
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