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Sabine war schon alt
genug um zu wissen, daß Giraffen eigentlich nicht
sprechen können und auch nicht draußen herumlaufen
um den Bäumen im Garten ihrer Eltern die Blätter weg
zu fressen. Und als sie auf dem Weihnachtsmarkt
stand und Spiele feilbot, hatte sie schon beinahe
vergessen welche verheerende Wirkung das Wörtchen
„eigentlich“ im ersten Satz dieser Geschichte haben
kann. Sie unterdrückte ihre schlechte Laune und
versuchte den vielen Kindern die sich für die Spiele
interessierten geduldig zu erklären wie sie
funktionierten. Dazwischen rauchte sie Zigaretten,
bemühte sich redlich den kleinen
Weihnachtsmarktstand nicht anzuzünden und machte
sich Gedanken über das schlechte Wetter.
Und just als sie
gerade eine dieser kleinen Rauchpausen machte, sah
sie im Augenwinkel einen kleinen Raben in der
Einkaufspassage sitzen. Er saß dort, an die Wand
gelehnt und sah nicht gut aus. Keiner der vielen
Besucher schien ihn zu bemerken, oder er war ihnen
egal, doch Sabine dachte, „der arme Vogel, warum
hilft ihm denn niemand. Bei diesem Wetter.“ Und sie
stahl sich von ihrem Stand weg und schubste genug
Leute herum damit sie zu dem Raben kam, aber als sie
ihn dort aufheben wollte war er weg. „Komisch“,
dachte Sabine. „Eben war er doch noch hier... Naja,
vielleicht ist er ja doch noch davongeflogen“,
hoffte sie und ging weiter verkaufen.
Abends, wieder zu
Hause, kochte sie sich ein bißchen zu viel Essen,
sah viel Fern und schlief spät ein. Und am nächsten
Morgen wachte sie eine Stunde zu spät auf und hatte
wieder schlechte Laune, denn es regnete und war
düster draußen. Sie brühte sich einen kleinen,
starken Kaffee und zündete sich erstmal eine
Zigarette an. Leicht verärgert ob der Existenz im
Allgemeinen saß sie nun am Küchentisch und schaute
aus dem Fenster. Gegenüber auf dem Dach saß der
kleine Rabe und sah herüber. Sabine sprang auf und
lief zum Fenster. „Das gibts doch nicht! Schon
wieder dieser Vogel“ dachte sie und preßte ihre
heilige Nase ans kalte Küchenfenster. Der Rabe aber
fühlte sich beobachtet und flog rasch davon. Sabine
stand noch länger da, am Fenster, die Nase
plattgedrückt und die Gedanken weit entfernt. „Was
geschieht hier,“ flüsterte sie und plötzlich rann
ihr eine Träne die Wange herunter. Sie schmeckte gar
nicht schlecht.
Am nächsten Morgen
stand Sabine ganz früh auf und zog die Laufschuhe
an. Auch der Regen hielt sie nicht vom Rennen ab.
Sabine rannte über Bürgersteige, über
Kopfsteinpflaster und Schotter, sie rannte durch
Pfützen und durch Matsch, immer weiter. Bis in ihren
Lieblings-Park lief sie und als es ihr besser ging,
und sie schwitzte und der Regen ihr gar nichts mehr
ausmachte, da sah sie vor sich, auf der nächsten
Bank den Raben sitzen. Er saß ruhig auf der Lehne
und blickte aus einiger Entfernung zu ihr herüber.
„So“, dachte sie, „diesmal entkommst du mir nicht“.
Und sie verlangsamte ihr Tempo etwas um den
schwarzen Vogel nicht zu erschrecken. Doch als sie
auf ungefähr zehn Meter an ihn herangelaufen war, da
flog er schon weg. Sabine blieb stehen. „Hey,
Rabe!“, rief sie. Und der Rabe drehte um, setzte
sich in den nächsten Baum und sah von einem bequemen
Ast zu ihr herunter. Sabine stutzte. „Krah!“,
krächzte der Rabe, und Sabine war erleichtert das
der Rabe nichts gesagt hatte. Auf sprechende Tiere
konnte sie momentan gut verzichten.
So drehte sie sich ab
und wollte gerade weiterlaufen, da hörte sie hinter
sich jemanden sagen, „Sabine, warte mal, nur einen
Moment. Bitte!“. Langsam wand sie sich um, niemand
war dort, außer dem Raben.
„Entschuldige das ich
dich verfolgt habe, liebe Sabine. Aber ich bin etwas
scheu, mußt du wissen, ich habe mich nicht getraut
dich anzusprechen,“ sprach der Rabe und schaute
verlegen. Sabine schluckte, rieb sich etwas
zerstreut die wunderschönen Augen und setzte sich
auf die Bank, denn ihr war ein bißchen schwindelig
geworden. Der Rabe flog vom Baum herunter und setzte
sich neben sie. „Ich bin gekommen um dir etwas zu
sagen“, flüsterte der Rabe... „Etwas wichtiges... du
hast nämlich etwas vergessen.“ Sabine riß sich
zusammen und fragte gefaßt: „Was denn, was habe ich
denn vergessen?“. Der Rabe zupfte sich die Flügel
zurecht, ein Zeichen dafür das er sich wohlfühlte.
„Du hast vergessen deine Giraffenfreundin zu
besuchen, das hast du vergessen. Und nun wartet sie
auf dich.“
Und so saß eine völlig
pitschnasse Sabine in ihrer Vfb Stuttgart Regenjacke
neben einem kleinen schwarzen Raben am See und war
am Ende ihrer Weisheit angelangt. Der Rabe neben ihr
sprach, der Regen fiel weiter und Sabine dachte an
früher, an ihren Traum und das Ahornblatt und die
Giraffe und wie wohl das Wetter in der Karibik sein
würde. „Aber...“ sagte sie leise „... aber wie kann
ich denn dorthin zurück... ich weiß doch nicht
wie...“. Der Rabe indes sprang auf ihre Schulter,
legte seinen nassen aber sauberen Flügel um ihren
wohlgeformten Hals und sprach, „du kommst mit mir,
ich bin doch hier um dich abzuholen. Und er zwickte
einmal kurz in Sabines linkes Ohr. Mit einem Mal
wurde ihr ganz schummerig – alles schien sich zu
verformen und zu bewegen – und mit einem Mal war sie
statt stolzen 1 Meter und Achtzig nur noch kleine 18
Zentimeter groß. „Spring auf“ rief der Rabe, „wir
haben nicht den ganzen Tag Zeit!“. Und die plötzlich
sehr kleine Frau hüpfte elegant auf den Rabenrücken
und ließ fünfe gerade sein.
Sie flogen hoch, hoch
über Friedrichshain und auf nach Süden. In der Höhe
von Stuttgart rief Sabine dann, „Ach Rabe, sieh mal
dort unten das Neckar-Stadion, laß uns doch mal kurz
dort vorbeischauen, bitte!“ Und sie setzten sich
zusammen auf die Flutlichtmasten und sahen wie Kevin
Kuranyi und Aleksiandr Hleb ein Tor nach dem anderen
gegen die Bayern schossen. „Sauber!!!“ rief Sabine
zum Abschluß. Und: „Sieh mal Rabe, was hier im Süden
doch für ein schönes Wetter ist!“. Dann aber reisten
die beiden weiter, denn sie wollten ja nicht zu spät
kommen zur Giraffe.
Sie flogen durch warme
Wolken und kleine Wolken, durch Regengebiete und
Windhosen, durch brennende Sonne und diesigen Nebel.
Und Sabine sah so viel Wetter, das ihr ganz warm ums
Herz wurde. Und nach einiger sehr langer Zeit,
Sabine schlief schon tief und fest, landete der Rabe
auf einer überschaubaren tropischen Insel und warf
die geschrumpfte Frau in den Sand. „Aua!“, rief
Sabine. Aber der Rabe biß sie einfach schnell ins
linke Ohr, und innerhalb von Sekunden war Sabine
wieder in voller Größe zu bewundern. Sie stand auf,
stapfte ein wenig schlaftrunken durch den Sand,
blickte aufs weite Meer das in der Sonne glänzte und
kotzte auf den Strand. „Uaah! Igitt! Ist mir
schwindelig! Dieses Vergrößern und Verkleinern
schlägt mir auf den Magen!“ und sie setzte sich auf
ihren unverschämten Hintern und atmete tief durch.
Der kleine Rabe hüpfte zu ihr herüber, trocknete
sein Gefieder und sah sie mit seinen großen Augen
an. „Gehts dir langsam besser...?“ fragte er
vorsichtig. „Ja, mir geht es gut“, sprach da Sabine
und es stimmte. Es ging ihr gut. Die Sonne schien,
ihr war nicht mehr schlecht und sie entspannte sich
ein wenig. „Sieh mal Rabe, was für ein wunderschönes
Wetter wir haben. Es sind bestimmt 28 Grad! Und in
Berlin... wie mag da das Wetter wohl sein...
Bestimmt schlecht! Und Regen! Aber hier ist es
schön.“
Dann flog der Rabe bei
Sabine auf die Schulter und die beiden gingen den
Strand hinauf, dorthin, wo der Wald begann und ein
kleiner Pfad ins Innere der Insel führte. Die beiden
liefen den Pfad entlang, bestimmt zwanzig Minuten,
bis der Rabe plötzlich sagte, „Hier, warte mal. Dort
mußt du klingeln.“ Und er wies mit seinem Schnabel
auf einen kleinen Ahornbaum links am Wegesrand.
Sabine zog leicht an der kleinen Kordel die daran
hing und sofort kam Bewegung in den Urwald. Mit
lautem Geraschel und Getrappel stürzte eine gut
gepflegte Giraffe aus den Büschen, lief auf die
beiden zu und umarmte Sabine überschwenglich. „Oh,
Sabino, ich habe dich so vermißt“, schluchzte sie.
Und viele dicke Giraffentränen rannen ihr die
Giraffennase herunter, so das Sabine im Nu wieder
ganz pitschnass war. Der Rabe reichte Taschentücher
und die Giraffe schneuzte sich lautstark. Und dann
zeigte die Giraffe Sabine ihre Insel, den leckeren
Ahornwald, die Geröllwiese auf der man so toll
Verstecken spielen konnte, ihren Swimmingpool, ihre
Videosammlung und den Fussballplatz. Und abends, als
sie alle drei zusammen auf der Terasse saßen und
Rotwein tranken, da sprach die Giraffe: „Bitte
Sabino, geh nicht wieder fort! Als du weggegangen
bist, hast du die Sonne mitgenommen, und den Regen,
und den Wind und den Schnee. Ich war so einsam ohne
dich... und mit niemandem konnte ich über das Wetter
reden, weil, weil mein Telefon war kaputt, und
außerdem, du weißt ja, das ist auch so teuer, von
hier nach Berlin...“ Gerade wollte die Giraffe
wieder anfangen zu heulen, da sagte der Rabe,
„Sabine, nimm sie doch mit, die Giraffe. Sie kann
sehr sparsam sein.“ Aber Sabine konnte die Giraffe
natürlich nicht mitnehmen, denn sie war ja viel zu
groß. Und alle Dinge kann man auch nicht klein
zaubern, vor allem nicht für immer. Auch Sabine
wurde wieder traurig, „wenn du nur ein kleineres
Tier wärst, zum Beispiel eine Eidechse. Dann könnte
ich dich mitnehmen, aber als Giraffe kriege ich dich
ja nicht mal durch den Flur. Und in den Zoo willst
du ja auch nicht mehr.“ Die Giraffe seufzte tief,
„ach, naja, Hm, ich habe ja noch den Raben. Den
schicke ich dir ab und zu vorbei, damit er mir ein
wenig Sonne und Wetter bringt, und liebe Grüße an
die Sabine bestellt.“ Und dann spendierte eben diese
Sabine eine Runde Zigaretten und zu dritt rauchten
sie letztlich, im Endeffekt, vergnügt in den
Sonnenuntergang.
Es klingelte. Sabine
wachte langsam auf und blinzelte auf die Uhr. Neun
Uhr morgens! Wer klingelte denn um neun Uhr morgens!
Und was war das doch für ein komischer Traum gewesen
den sie gerade hatte! Verschlafen und wütend lief
sie zum Türöffner. „Ja, wer ist denn da...?“ sprach
sie hinein. Aber niemand antwortete. Aber da war
doch jemand. Sabine öffnete die Tür und hörte noch
ein paar Schritte unten im Treppenhaus. „Mist“
fluchte sie, aber dann fiel ihr Blick auf ein
kleines Päckchen das vor ihrer Türe lag. Sabine hob
es auf und ging in die Küche. So richtig traute sie
sich nicht es zu öffnen. Sie kochte sich lieber
schnell einen Kaffee, zündete sich eine Zigarette
an, nahm all ihren Mut zusammen und öffnete es dann
ganz vorsichtig. In dem Päckchen lag ein kleiner
Zettel auf dem stand „Meine Lieblingssabino, ich
habe dich furchtbar gern. Und ich schenke dir eine
Geschichte. Kümmere dich gut um die Eidechse.“
Sabine nahm die kleine Eidechse sachte auf ihre
Hand. Und die liebe Sabine wußte nicht wie ihr
geschah, aber die Sonne schien warm durchs Fenster
und ich hab dich lieb.
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