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Youri und die Taucherin
Für Janina
Es gibt nicht viele Sachen die
einen ausgewachsenen Haifisch ernsthaft aus der Fassung bringen.
Eigentlich schwimmen sie nur so herum im Meer, mal ein wenig
nach Norden, dann wieder nach Süden und immer mit einem Schwarm
Proviantmakrelen dabei. Manchmal rasten sie an Korallenriffen um
ein wenig auszuspannen oder mit artverwandten Spezies zu
plaudern. Auch Youri der kleine Grauhai war nicht anders. Er war
gerade auf dem Weg nach Norden zu seiner Lieblingsinsel als er
beschloß noch mal kurz in der TayTay Bay einzukehren und ein
wenig auszuruhen.
Es war nicht viel los im Riff als
Youri sich schlafen legte und er erwartete eine ruhige Nacht.
Für Haie ist übrigens immer Nacht wenn sie sich schlafen legen
und nicht etwa andersherum. Es mußte so ungefähr 3 Uhr Mittags
gewesen sein als Youri ein geheimnisvolles Rascheln im
Korallenbusch aus seinem jungfräulichen Schlaf weckte... `Ja was
raschelt denn da....` dachte sich der kleine Grauhai und lugte
aus seinem Anemonengepolsterten Algenbett hervor.
„Hallo!!!“ schrie ihn sofort ein
fremdes Gesicht an. Youri erschrak und wollte sich schon schnell
verdrücken als das fremde Wesen ihn an der Schwanzflosse
festhielt und ihn rüttelte. „Hey, keine Angst, ich wollte doch
nur gucken obs dir gut geht. Du lagst hier so schlapp herum.“
„Wie? Ich Angst? Neee....“ raunte der kleine Hai... „Ich bin
doch ein Hai, ich hab nie Angst.“ „Ach so.“ sagte das Wesen nur
und wandte sich zum Gehen. Youri blieb recht verdattert und auch
ein wenig in seinem Hai-sein gekränkt zurück und wunderte sich
über das seltsame Ding dass sich gar nicht vor ihm gefürchtet
hatte. Der kleine Grauhai beschloß dem Geheimnis des
langhaarigen braungebrannten Wesens auf die Spur zu kommen und
bestellte Kaffee.
Youri trank hastig und ungenau.
Eigentlich hatte er sich nie etwas aus dem braunen verbrannten
Wasser gemacht, aber jetzt war er schon bei Tasse 25. Der
Grauhai war nervös. Die Begegnung von heute morgen (oder abend
bzw. mittags) schmiss ihn sichtlich aus der Bahn und er kaufte
Zigaretten. Nachdem er 12 Tage vergeblich versucht hatte unter
Wasser zu rauchen beschloß er einen neuen Weg zu gehen und
suchte die nächstbeste Insel zum Feuermachen. Gleich um die Ecke
vom Riff fand er eine kleine Insel mit einem kleinen Strand und
einem Riesenberg. Youri ging an Land und stellte fest das
erstens überall Urwald war und zweitens aus den zwei kleinen
Bambushütten viele kleine Wesen rannten, kreischend und
reichlich nervtötend, wie er fand. Hinter diesem Schwarm von
hibbeligen Etwassen sah der kleine Grauhai ein weiteres Ding. Es
humpelte und gab zischende Geräusche von sich. Zwischendurch
fiel es immer wieder hin und sagte dabei „Aua“. Youri beschloß
dem zweifelsfrei alten, schwierigen Tier zu helfen und warf ihn
125 Meter weit auf das Boot auf dem der Rest der Meute schon
wartete. Endlich war Youri allein. Er setzte sich mitten auf den
weißen Strand und zündete sich genüßlich eine Haizigarette an.
„Hehem!“. Youri erschrak. Hinter
ihm waren Schritte zu hören. Langsam wendete er sein graues
Haupt und blickte in ein Paar Augen die unendlich nach irgendwo
zu reichen schienen. Das langhaarige Wesen. Es war hier.
„S..s.s.s...w...w.w.“ machte
Youri. „Bitte?“ sagte das braune Ding. „Könnte ich eine
Zigarette von dir bekommen? Ich habe schrecklich lange nicht
mehr geraucht.“ Youri tastete hektisch in seinen eigentlich
nicht vorhandenen Taschen herum. Nach einiger Zeit gab die
Realität nach und er fand seine Schachtel unversehrt. Nachdem er
eine trockene Zigarette gefunden und dem großen Tier gereicht
hatte war auch seine Sprache wieder in Sichtweite. „Was, was
bist du, wenn ich fragen darf?“ stammelte er. Das Wesen sah ihn
mit seinen tiefen, schönen Augen an und sprach leise. „Ich bin
eine große Frau. Ich bin Taucherin.“ Sie strahlte. „Ich wollte
dich schon länger kennenlernen“.
Youri und die Taucherin sprachen
lange Zeit und rauchten viele Zigaretten. Der Grauhai ging
einige Male zum Riff und holte neue Schachteln und auch Kaffee.
Beide hatten viel Spaß und Youri erzählte der Taucherin wie die
Fische die sie studierte und untersuchte, roh schmeckten. Die
Taucherin sprach von ihrer Insel, ihrer Heimat und wie sehr sie
sie vermißte. „Aber bald gehe ich wieder nach Hause,“ sagte sie
leise. „Kannst du dort auch tauchen“, fragte Youri besorgt, „ich
meine, gehörst du nicht ins Wasser, so wie ich?“. Die Taucherin
sah den kleinen Grauhai lange an. „Nein Youri, ich gehöre
überall hin. Ins Meer, in die Sonne, zu den Sternen, zu den
Wurzeln und auch ein wenig zum Raben. Aber im Meer, im Meer...
da bin ich so.... so...“ „Frei?“ unterbrach sie Youri. „Ja,
frei. so ungefähr.“ Die Taucherin schaute traurig. Der kleine
Hai blickte ihr nun seinerseits fest in die Augen und sagte
„Große Frau, wenn ich dich im Wasser sehe, dann merke ich aber
nicht das du dort nicht herkommst. Ich finde du machst dich sehr
gut. Als ich dich zuerst sah dachte ich du wärst eine Art
Meeresgeschöpf... So glatt, und braun.“ „Und langhaarig?“
unterbrach ihn jetzt ihrerseits die Taucherin. „Subba, Subba
(Anm.: Haie lachen so wie Meere klingen), und langhaarig! Na
gut, das hat mich schon etwas irritiert“, gab Youri zu, „Aber es
tat meinem überwältigen Eindruck von dir keinen Abbruch. Du bist
sehr schön, Frau, selbst für einen kleinen Hai“. Die Taucherin
war geschmeichelt aber überspielte ihre Verlegenheit mit einem
Beißangriff auf den Grauhai der ihn fürchterlich übertölpelte
und viele angehme Schmerzen bereitete. Danach beschlossen die
beiden auf Tauchreise zu gehen und besuchten die schönsten
Stellen des indischen Ozeans. Dank Youri sah die große
braungebrannte Frau wunderschönste, nie zuvor erblickte Fische
und Stellen des Meeres. Alles was es zu bieten hatte – Youri
zeigte es ihr. Und am Ende ihrer Reise stand ein kleiner grauer
Hai neben einer glücklichen großen Taucherin mit langen Haaren
am Strand von Cagdanao Island und überreichte ihr einen Schein.
„Was ist das?“ fragte die Frau. „Das, Taucherin, ist dein
Tauchlehrerschein. Ich habe auch die Ausbilderlizenz, weißt du.
Du bist jetzt eine richtige Spezialtaucherin – mit extra
Haifreundpass.“ „Oh, toll, danke Youri. Danke kleiner Hai!“ Und
die braungebrannte Frau umarmte den Hai und gab ihm einen dicken
Kuß auf den Haimund. Youri scharrte verlegen mit den Flossen und
kicherte leise. „Komm mich mal besuchen auf meiner Insel kleiner
Hai,“ sprach die Frau, „ich koche uns Knoblauchhuhn und wir
trinken Wein“. „Das ist schön. Ich werde kommen“, sagte da der
kleine Youri. Und die Taucherin bat noch schnell den Hai die
restlichen Expeditionsmitglieder wieder zurückzuholen, denn sie
hatten sich inzwischen hoffnungslos verirrt.
Als das kleine Schiff an den
Strand rutschte saß eine braugebrannte langhaarige Frau am Tisch
unter dem Bambuszelt und rauchte eine Zigarette. Die kleinen
Wesen huschten nur schnell in ihre Hütte, nervös und verstört.
Aber das humpelnde Wesen setzte sich zur großen Frau an den
Tisch und sah sie mit leerem Blick an. „Could, ah, could you
give me a Cigarette please.“ sagte er leise.
Als die große Frau später nach
Hause kam, mit vielen schönen Dingen im Kopf und einigen
beeindruckenden Scheinen in der Hand, empfing sie unter anderem
ein kleiner Rabe am Flughafen. Dieser mußte nachher feststellen
das es doch recht anstrengend sein kann hartnäckige
Muschelverwachsungen von schönen Rücken zu kratzen auch wenn man
dabei gebissen wird. |
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